Afghanistan
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Interview mit Malalai
Joya
Die afghanische Parlamentarierin Malalai
Joya machte nach der Verleihung des
Menschenrechtspreises durch Cinema for
Peace, eine Städtetournee auf Einladung
der Linksfraktion im Bundestag. Auch in
Stuttgart machte Joya, in Begleitung der
Bundestagsabgeordneten Heike Hänsel,
einen Stopp.
T.M.: Malalai, herzlichen Dank für Ihr
Kommen. Sie sind auf abenteuerliche,
aber auch gefährliche Weise nach
Deutschland gekommen. Was ist gesche-
hen?
Foto: www.amblondon.um.dk
M.J.: Nachdem ich vor der großen Rats-
versammlung, der Loya Jirga, und auch
im Parlament die Bestrafung der im Par-
lament sitzenden Warlords und Drogen-
bosse gefordert hatte, wurde ich letztes
Jahr für drei Jahre aus dem Parlament
ausgeschlossen. Ich bin auf einer Liste
von Personen, die Afghanistan nicht ver-
lassen dürfen. Mein diplomatischer Pass
wurde eingezogen und ich konnte Afgha-
nistan nur über die grüne Grenze verlas-
sen.
T.M.: Glauben Sie, dass der Ihnen vor
kurzem verliehene Menschenrechtspreis
von ,,Cinema for Peace" ihre Arbeit in
Afghanistan unterstützen kann?
M.J.: Diesen Preis habe ich den demo-
kratisch gesinnten Menschen in Afgha-
nistan gewidmet. Für mich ist dieser Preis
eine Aufforderung weiter zu kämpfen
und eine Unterstützung für meine Arbeit.
Die afghanischen Medien ignorieren
mich, ich bin verbannt worden und es
gibt einen regelrechten Boykott gegen
mich. Es ist eine große Propaganda der
Fundamentalisten gegen meine Person,
aber gleichzeitig erkennen immer mehr
Menschen diese Praktiken, die mich dann
unterstützen. Nur ein kleiner TV-Sender
hat über die Verleihung des Preises be-
richtet. Die Pressefreiheit in Afghanistan
steht nur auf dem Papier. Selbst Journa-
listen, die aus dem Parlament berichten
wollten, wurden geschlagen und aus dem
Parlament verwiesen. Ich soll daran ge-
hindert werden, das, was ich in Afghanis-
tan gesagt habe, international zu sagen.
T.M.: Was hat sich nach den Wahlen
2005 verändert? Wie ist die Situation der
Frauen?
M.J.: Ein aktuelles Beispiel dieser Tage
ist die Vergewaltigung eines 14-jähriges
Mädchens in Nordafghanistan, von drei
Worlords. Einer dieser Vergewaltiger ist
der Sohn eines Abgeordneten, dies bestä-
tigte das Büro des Frauenministeriums
und auch die dortige Menschenrechts-
Organisation. Er wurde seither nicht be-
straft. Das zeigt ja wohl, in was für einer
Demokratie wir leben. Weitere 4 junge
Mädchen, von denen das jüngste 9 Jahre
alt ist, wurden in jüngster Zeit im Norden
vergewaltigt. Auch hat sich vor Kurzem
eine junge Frau vor dem obersten Gericht
verbrannt, weil sie nicht angehört wurde,
kein Recht bekommen hat, bezüglich der
Gewalt, die ihr Ehemann ihr antat. So
gibt es viele, viele Beispiele. Ich könnte
eine lange Liste von Verbrechen und
Grausamkeiten gegen Frauen in Afgha-
nistan aufzählen. Täglich kommen scho-
ckierende Nachrichten aus den Provin-
zen. Morde an Frauen.
Foto: www.einsatz.bundeswehr.de
In einem Distrikt haben sich in einem
Monat über 30 Frauen selbst umgebracht.
Es ist ein reines Mafiasystem, das in Af-
ghanistan regiert. Es sind Milliarden von
Aufbaugeldern nach Afghanistan geflos-
sen, das hätte gereicht, Afghanistan zwei-
fach aufzubauen. Aber wo fließt dieses
ganze Geld hin, wenn Frauen inzwischen
aus reiner Not ihre Kinder für ein paar
Dollar verkaufen. Durch den kalten Win-
ter sind über tausend Menschen erfroren
und das nicht einmal weit weg von Ka-
bul.
Ebenfalls sind über hunderttausend Tiere,
die für die Menschen notwendig sind,
verendet. Siebenhundert Kinder und 50
bis 70 Frauen sterben täglich auf Grund
mangelnder Gesundheitsversorgung. Die
Lebenserwartung liegt unter 45 Jahren.
T.M.: Was sagen sie zum Drogenprob-
lem?
M.J.: Seit dem 11. September ist Afgha-
nistan zum weltweit größten Produzenten
von Opium geworden. 92 Prozent des
weltweiten Opiums werden in Afghanis-
tan hergestellt und landen
dann in den Straßen von New York und
all dies passiert unter den Augen der in-
ternationalen Truppen. Das heißt eigent-
lich auch, dass wir keine Befreiung unse-
res Landes haben, sondern eine Besat-
zung. Die Geschichte unseres Volkes hat
aber gezeigt, dass wir Besatzung niemals
akzeptiert haben. Und wenn die Politik so
weiter geht, werden die USA und die Al-
liierten einschließlich der deutschen
Truppen den Widerstand der Bevölke-
rung zu spüren bekommen.
T.M.: Die afghanische Bevölkerung ist
durch die politische Situation in die Enge
getrieben. Wie sehen sie das?
M.J.: Die Bevölkerung befindet sich in
einer ,,Sandwich-Situation": auf der einen
Seite sind die Pro-US-Terroristen, die
Nordallianz, und auf der anderen Seite
die Taliban, die Anti-USTerroristen.
Beide Seiten müssen entwaffnet werden.
Für mich ist eigentlich jeder Tag in Af-
ghanistan wie der 11. September. Die
Zahl der seit 2001 im ,,Krieg gegen den
Terror" getöteten unschuldigen Zivilisten
hat sich verfünffacht im Vergleich zu der
Zahl derjenigen, die in der Tragödie vom
11. September umkamen.
Wenn jetzt die Truppen abziehen würden,
besteht natürlich die Gefahr eines Bür-
gerkrieges, wie wir es ja schon einmal
zwischen 1992 und 1996 erlebt haben, als
an manchen Tagen allein in Kabul bis zu
5000 Menschen getötet wurden. Das
Problem ist aber, dass wir die Fundamen-
talisten an der Macht haben. Die Taliban
wurden ja von den USA zur damaligen
Zeit stark gemacht. Jetzt wird die Nordal-
lianz unterstützt.
Auf lange Sicht müssen die Truppen ab-
ziehen. Ein erster Schritt wäre, die Fun-
damentalisten, die jetzt an der Macht sind
zu schwächen, zu entwaffnen, um eine
Chance für die anderen demokratischen
Kräfte zu ermöglichen. Wir haben keine
Befreiung, sondern eine Besatzung.