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Afghanistan
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Ich bin überzeugt, kein Land kann einem
anderen Land Befreiung bringen. Für
Demokratie, Menschenrechte, Frauen-
rechte müssen wir selbst kämpfen. Um
hier ein Ergebnis zu erzielen, dürfen auf
keinen Fall Waffen eingesetzt werden.
Jetzt ist aber die Situation so kompliziert
und schwer, dass wir Unterstützung von
der internationalen Gemeinschaft brau-
chen. Vor allem die demokratischen
Kräfte brauchen mehr Aufmerksamkeit
und Unterstützung, um eben für diese
Werte in ihrem Land zu kämpfen. Nach
der Bekämpfung der Taliban sind nicht
demokratische Kräfte an die Macht ge-
kommen, sondern wieder Fundamentalis-
ten. Wenn demokratische Kräfte unter-
stützt worden wären, gäbe es gar keinen
Grund, dass Truppen in Afghanistan sind.
Das sind strategische Überlegungen der
USA und der Alliierten, um in diesem
Land zu bleiben.
T.M.: Es gab im Norden Afghanistans
eine Umfrage unter der Bevölkerung.
Was halten sie von dieser Umfrage?
M.J.: Die Regierung hat nur die Kontrol-
le über Kabul, wenn überhaupt. Ich frage
mich, wie diese Umfrage umgesetzt wur-
de. Viele Menschen haben nicht den Mut,
die Wahrheit zu sagen, solange Warlords
und Verbrecher sie unterdrücken. Die
Umfrage ist in meinen Augen Propagan-
da, um Sand in die Augen der Menschen
weltweit zu streuen, um die Berechtigung
zu haben, noch weitere Truppen ins Land
zu schicken. Der Wunsch der Menschen
nach Truppen ist da, aber nur um gegen
die Fundamentalisten etwas zu unter-
nehmen, die von den Truppen, auch den
deutschen, unterstützt werden. Ein sehn-
lichster Wunsch wäre die Befreiung
Nordafghanistans von den Fundamenta-
listen, die dort zurzeit das Sagen haben.
T.M.: Spielen die Machtinteressen von
Russland und China eine Rolle für Af-
ghanistan?
M.J.: Nicht nur diese beiden Länder ha-
ben Interesse, sondern auch die USA,
Deutschland und die anderen NATO-
Länder, die ja in diesem Land auf Grund
ihrer eigenen Interessen sind. Sonst wür-
den sie ja die demokratischen Kräfte un-
terstützen und nicht die Fundamentalis-
ten. Die Menschen wollen, dass diese
Fundamentalisten und die Taliban, die
jetzt unterstützt werden und durch die in-
ternationale Politik an die Macht kamen,
entmachtet werden. Schritt für Schritt
könnte dies mit einem Abzug der Trup-
pen begleitet werden. Eine dauerhafte
Präsenz der Truppen will die Bevölke-
rung nicht. Außerdem müssten die Nach-
barländer kontrolliert werden, dass sie die
Fundamentalisten nicht mehr unterstützen
und dass dadurch eine wirkliche Politik-
änderung vonstatten geht.
Es ist aber auch klar, wenn die Truppen
nicht abziehen, Stück für Stück, werden
sie den massiven Widerstand der Men-
schen in Afghanistan erleben. Die Eng-
länder hatten versucht uns zu besetzen
und die Sowjetunion, und eben jetzt ver-
sucht es die USA. Es wird Zeit, dass wir
diese Besatzung nicht mehr zu-lassen,
dass wir dagegen kämpfen, denn es hat
sich gezeigt, dass diese Besatzungen
nicht funktioniert haben. Die Menschen
gehen inzwischen auf die Straße, sie de-
monstrieren gegen die katastrophale Situ-
ation, in die sie gebracht wurden. Jetzt
erst vor kurzem war das schlimmste
Bombenattentat mit der größten Anzahl
von Opfern in der Provinz Kandahar,
mehr als sechzig Personen wurden er-
mordet. Das sind Zivilisten gewesen, die
dort getötet wurden. Es werden aber auch
Städte und Dörfer durch die Alliierten
bombardiert, um die Taliban zu treffen,
aber auch hier werden unschuldige Men-
schen, Frauen und Kinder getötet.
T.M.: Vielen Dank für das Gespräch und
vor allem eine sichere Heimreise.
Das Interview wurde von Thomas Mitsch
2008 in Stuttgart geführt. Malalai Joya
erhielt unter anderem den International
Woman of the Year Price 2004, der
Provinz Valle d`Aosta in Italien und den
Women of Peace Award 2006 der
Womens Peacepower Foundation.
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Fakten
Die Kosten des Afghanistan-Krieges al-
leine für die NATO-Staaten betrugen in
den Jahren 2002 bis 2006:
ca. 82 Milliarden US-Dollar für Militär
ca. 7 Milliarden US-Dollar für Entwick-
lungshilfe
ca. 433 Mio. US-Dollar für Gesundheit
und Ernährung.
(Quelle: IMI-Analyse 2007/029 vom
17.8.2007, http://www.imi-online.de).
Noch krasser ist die Entwicklung beim
Opiumanbau. So wurden
2001 200 Tonnen Opium
2006 6700 Tonnen Opium
2007 8200 Tonnen Opium produziert.
Dies entspricht in etwa 92% der Weltopi-
umproduktion.
Das Bruttoinlandsprodukt pro Afghane/in
pro Jahr liegt bei ca. 355 US-Dollar.
Deutschland gab 2008 in Afghanistan für
Militär-Ausgaben ca. 530 Mio. Euro, für
Zivil- Ausgaben ca. 100 Mio. Euro aus.
(Quellen: DFG-VK)
In der Armuts-Statistik rutschte Afgha-
nistan in den letzten Jahren noch einen
Platz nach unten: Im Jahr 2004 von Platz
173 (von 178 Ländern) im Jahr 2007 auf
Platz 174 (von 178 Ländern). (Quelle:
UN-Armutsindex Afghanistan).
Westlicher Stil?
Der
Generalinspekteur
betont:
,,Unsere Soldaten verstehen die politi-
schen und kulturellen Zusammenhänge
vor Ort und begegnen den Menschen mit
Respekt und Verständnis."
(Quelle: Schneiderhan, Wolfgang: Soldat
im Zeitalter der Globalisierung, in: Euro-
päische Sicherheit, 2/2007, S. 20).
Diese Aussage steht in Widerspruch zu
Presseberichten z.B. mit Fotos deutscher
Soldaten in Afghanistan, die diese beim
Hantieren mit Schädeln von toten Afgha-
nen zeigen.
Der ehemalige Fallschirmjäger Achim
Wohlgethan schreibt in seinem Buch:
,,Ich wurde nun Augenzeuge, wie ISAF-
Soldaten sehr unkonventionell testeten,
ob das Gelände an dieser Stelle vermint
war - und zwar mit Äpfeln! Dazu winkten
die Soldaten die vielen Kinder heran, die
auf dem Schießplatz leere Messinghülsen
sammelten, weil diese bares Geld wert
waren.
Dann griffen die Soldaten hinter sich in
eine Kiste mit Äpfeln, hielten sie den
Kindern vor die Nase und schmissen sie
ins Gelände. Dann warteten sie ab, was
passierte. Wenn die Kinder losliefen und
es keinen Knall gab, wurde dieses Feld
als geklärt und unvermint betrachtet".
(Quelle: Achim Wohlgethan, Endstation
Kabul, Berlin, 2008, S. 78).
am 3.6.2008 wurden Soldaten der Pan-
zerbrigade 21 in den Afghanistan-Einsatz
verabschiedet (der 250.000ste deutsch
Soldat in einen Auslandseinsatz über-
haupt wurde durch das Kriegsministeri-
um verbreitet).