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Balkan-Seite
Frankfurter Rundschau, 4.4.99
Der Krieg um Kosovo
In der Sackgasse
Es besteht die Gefahr, daß der Krieg sich ausweitet
Von Werner Link
Zwei widerstreitende Tendenzen machen den Konflikt aus: einerseits die
Selbstbestimmungs- und Sezessionsforderung der Kosovo-Albaner, die mit der Proklamation
der Republik Kosovo im Jahre 1990 und mit dem Aufbau paralleler Staatsstrukturen begann
und spätestens seit 1996/97 mit gewaltsamen Mitteln von der UCK verfolgt wird; und
andererseits die Forderung der Bundesrepublik Jugoslawien nach Verbleib Kosovos im
jugoslawischen Staatsverband, die mit repressiven Mitteln gegen die Kosovo-Albaner
insgesamt und mit militärischen Mitteln gegen die UCK verfolgt wird.
Noch schrecken die Nato-Mächte davor zurück, die Forderung der Kosovo-Albaner zu
unterstützen, weil dadurch die Destabilisierung und Friedensgefährdung in der gesamten
Region gefördert würde. Den Kompromiß, nämlich eine Autonomie Kosovos innerhalb
Jugoslawiens, haben die Kosovo-Albaner bis kurz vor der Nato-Intervention strikt
abgelehnt, weil sie auf völliger staatlicher Unabhängigkeit bestehen. Daß sie
schließlich doch den Rambouillet-Plan unterschrieben haben, hat zwei Gründe:
(1) US-Außenministerin Madeleine Albright hatte erklärt, es werde keinen
Militärschlag gegen Jugoslawien geben, wenn auch die Kosovo-Albaner den Friedensplan
ablehnten. Das heißt, die Kosovo-Albaner konnten davon ausgehen, daß ihre Unterschrift
zur Nato-Intervention führte. Die Luftschläge der Nato würden Jugoslawien bzw. Serbien
entscheidend schwächen und damit die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern; die
Nato würde - ungewollt - zur Luftwaffe der UCK werden.
(2) Zwar sagte die Kontaktgruppe im Rambouillet-Plan nicht die Unabhängigkeit Kosovos
zu, aber freie Wahlen und eine Statusentscheidung nach drei Jahren. Diese Wahlen würden -
angesichts der Bevölkerungsmehrheit von 90 Prozent - zugunsten der Kosovo-Albaner
ausgehen, die nach drei Jahren demokratisch legitimiert die Unabhängigkeit einfordern
würden. Nach drei Jahren würde die Sezession Kosovos unweigerlich Realität.
Der letztgenannte Grund für die Unterschrift der Kosovo-Albaner war und ist, aufgrund
umgekehrter Interessenlage, auch entscheidend für die Nicht-Unterschrift Jugoslawiens.
Dabei ist der springende Punkt die Präsenz einer Nato-geführten Streitmacht in Kosovo.
Nur sie könnte und würde vermutlich freie Wahlen gewährleisten, gegebenenfalls
erzwingen! Aber Jugoslawien hat nur eine Chance, Kosovo im jugoslawischen Staatsverband zu
halten, wenn vor freien Wahlen oder unabhängig von ihrem Ausgang und ihren Folgewirkungen
die Sezessionsoption garantiert ausgeschlossen bleibt oder wenn keine freien Wahlen
stattfinden oder zuvor durch Vertreibung die Zusammensetzung des Wahlvolks zugunsten der
Serben geändert wird. Letzteres versucht der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic,
und zwar verstärkt im Schatten der Nato-Intervention. Seine Politik ist
menschenrechtswidrig und gewaltbe-stimmt, aber nicht irrational. Im übrigen würde auch
ein demokratisches Serbien nicht freiwillig auf Kosovo verzichten und ein demokratisches
Kosovo freiwillig nicht auf die Unabhängigkeit!
Durch das Interimsabkommen versuchen die Kontaktgruppe und die Nato-Staaten, die
Entscheidung um drei Jahre hinauszuschieben. Sie haben den Kosovo-Albanern heute nicht die
Unabhängigkeit und Jugoslawien nicht den Verbleib Kosovos nach Ende des Interims
zugesagt. Aber auch ihnen muß klar sein, und sie müssen dies ihrer Bevölkerung sagen,
daß das Interimsabkommen - vermittelt über demokratische Wahlen - die künftige
Entscheidung präjudiziert, den Sieg der Konsovo-Albaner über die Serben! Die
Nato-Luftschläge werden vielleicht Jugoslawien zum Einlenken zwingen, mit Sicherheit
werden sie die politische Position der Kosovo-Albaner stärken, während das Volk die
eskalierende Gewalt der Serben erleiden muß. Aus der Erfahrung mit zahlreichen
internationalen Konfliktvermittlungen wissen wir: Nur wenn beide Konfliktparteien in einer
Verlierersituation sind, kommt es zu kompromißhaften Konfliktlösungen. Durch die
Nato-Luftschläge und die eventuelle Erzwingung des Interimsplans gelangte Jugoslawien in
eine Verlierersituation, das albanische Kosovo - langfristig zumindest - in eine
politische Siegsituation, wodurch die Hoffnung auf ein Großalbanien genährt würde.
Damit verschlechtern sich die Chancen für einen Kompromiß.
Die ordnungspolitische Frage, ob das Interimsabkommen von Rambouillet und dessen
gewaltsame Durchsetzung im Interesse von Frieden und Stabilität in der Region ist, muß
verneint werden. Vielmehr wird dadurch ungewollt die Tendenz verstärkt, die die
Auflösung des derzeitigen Staatensystems auf dem Balkan zum Ziel hat, nämlich die
(notfalls gewaltsame) Schaffung eines Großalbanien, Großserbien und Großkroatien. Davon
würden alle Nachbarstaaten, einschließlich der Nato-Mitglieder Ungarn, Italien und
Griechenland, tangiert werden und schließlich ganz Europa. Dann könnte ein europäischer
Krieg von einem Balkankrieg ausgelöst werden.
Die Nato-Staaten und die Kontaktgruppe sollten also schleunigst ihre Kosovo-Politik und
den Interimsplan ändern: Der Kosovo-Status darf nicht offengelassen werden (was in
Wirklichkeit die demokratisch legitimierte Unabhängigkeit präjudizieren würde!),
sondern der Verbleib eines mit Autonomierechten real ausgestatteten Kosovo im
jugoslawischen Staatsverband müßte international festgelegt und garantiert werden. Nur
dann entstünde für beide Konfliktparteien eine Nicht-Sieg-Situation. Dies wäre mit
Milosevic in einer Angriffspause zu verhandeln. Auf dieser Basis wäre auch ein Konsens
mit Rußland und China im UN-Sicherheitsrat denkbar.
Werner Link ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität
zu Köln.
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Letzte Änderung: 09.03.01
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