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Balkan-Seite
| Saarbrücken. Der ehemalige SPD-Vorsitzende Oskar
Lafontaine hat ein Ende der Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien verlangt. "Und deshalb
fordere ich hier vom Deutsch-Französischen Garten aus die Verantwortlichen auf, darauf
hinzuwirken, daß diese Bombardierung eingestellt wird. ", sagte Lafontaine am
Samstag vor rund 12.000 Menschen auf der Maikundgebung des DGB Saar. Der Ex-Finanzminister
ermahnte außerdem die rot-grüne Bundesregierung, ihren Wählerauftrag, die Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit, zu erfüllen. Sie dürfe nicht vergessen: "Das Herz schlägt
links." |
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Die Rede Oskar Lafontaines zum 1. Mai
Aus der Rede des Ex-SPD-Vorsitzenden in Saarbrücken
(Vollständiger Teil zu Krieg und Frieden)
Wenn ich zum Krieg in Jugoslawien heute Stellung nehme, dann möchte ich schon
jetzt daran erinnern, daß dies nicht der einzige Krieg auf dieser Erde ist. Daß Not und
Elend, Tod und Vertreibung leider in vielen Ländern dieser Erde vorkommen: Ich denke an
Afrika, ich denke an Algerien, Äthiopien, an den Sudan, ich denke an Ruanda, ich denke an
das Kongogebiet. Ich denke an Asien, ich denke auch an die verfolgten Kurden - die Türkei
ist ein Mitgliedsstaat der NATO; ich denke an Tibet, an die Verfolgten dort, ich denke an
Afghanistan, an viele andere Länder dieser Erde, in denen großes Unrecht geschieht und
die Menschen große Not haben.
Heute möchte ich mich mit Jugoslawien beschäftigen. Ich möchte das differenziert
tun, da niemand von uns einfache fertige Antworten haben kann. Was aber im Vordergrund
aller Überlegungen stehen sollte, ist nach meiner Auffassung: Wie kann das Leid der
Menschen dort möglichst schnell gelindert werden? Wie kann möglichst schnell Frieden
hergestellt werden? Und dabei geht es nicht um Gesichtswahrung, wie ich das da und dort
lesen muß. Es geht immer und allein um das Leid der Menschen, um die Bewahrung
menschlichen Lebens.
Natürlich denken wir alle an die Menschen im Kosovo, die Vertreibung erleiden, die
getötet wurden. Aber wir denken auch an die Menschen in Serbien, die sich ängstigen, die
darunter leiden, daß bombardiert wird. Wir denken an die Menschen in Serbien, die Opfer
der Bombardements geworden sind. Und ich denke auch an die Deserteure der Armeen, die
verfolgt werden, die ebenfalls leiden dafür, daß sie sich nicht am Krieg beteiligen
wollen. Ich sagte bereits, einfache Antworten gegenüber den schrecklichen Geschehnissen
gibt es nicht. Und ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich eine
einfache Antwort. Und ich möchte mich gleich zu Beginn auch von einem Plakat
distanzieren, das den Bundeskanzler diskriminiert. Dieser Stil der Auseinandersetzung
führt nicht weiter. Dafür sind die Fragen, denen wir uns alle gegenübergestellt sehen,
viel zu ernst.
Daß Fehler gemacht worden sind in Jugoslawien, wissen wir mittlerweile. Und die Fehler
liegen teilweise Jahre zurück. Ich höre sehr oft, daß die Deutschen keinen Sonderweg
beschreiten sollten, aber ich muß dann daran erinnern, daß sie zu Beginn einen Sonderweg
beschritten haben, als sie gegen die Widerstände in Paris, in London und in Washington
die Anerkennung der Teilstaaten durchgesetzt haben, weil man die Begriffe von Freiheit und
Selbstbestimmung falsch verstanden hat. Freiheit und Selbstbestimmung vertragen sich nicht
mit völkischer Ausgrenzung und ethnischer Ausgrenzung. Das ist das Mißverständnis
dieser Politik. Freiheit und Selbstbestimmung sind überhaupt nur vorstellbar, sind
überhaupt nur erfahrbar und erlebbar, wenn sie mit Solidarität und Mitmenschlichkeit
verbunden sind. Deshalb war es falsch, dieser Kleinstaaterei, die auf völkischen
Differenzen beruhte, auch noch Anerkennung zu geben. Ein Fehler war es auch, daß durch
das Bombardement der NATO vor einigen Jahren in der Krajina ermöglicht worden ist, daß
die Kroaten die Serben vertrieben haben. Auch daran möchte ich heute erinnern, wenn wir
über den Krieg in Jugoslawien sprechen.
Es wäre falsch, wenn man zu der Auffassung käme, daß nur ein Volksteil des
Vielvölkerstaates in Jugoslawien Vertreibung erlitten hat. Auch die Serben haben
Vertreibung erlitten. Ich sage das alles, weil ich nicht möchte, daß wir einseitig
urteilen. Weil ich glaube, weil ich fest davon überzeugt bin, daß wir nicht
weiterkommen, wenn wir eine Volksgruppe dämonisieren und die andere vielleicht auf die
Seite der Guten schlagen, nein, es ist vernünftig zu wissen, daß dort viele Menschen,
gleich welcher Volkszugehörigkeit, viele Menschen zu Unrecht leiden, zu Unrecht verfolgt
werden und daß es deshalb falsch ist, dort in gute und böse Volksgruppen die Menschen zu
unterscheiden. So kann man nicht zu Frieden kommen. Auch die serbischen Männer haben
Frauen und Kinder, die um sie weinen, sie haben Freunde, die um sie weinen. Auch das
sollten wir immer in Erinnerung haben. Und wir haben ja die Erfahrung mit Diktaturen, man
weiß auch, daß viele Soldaten Befehlen gehorchen und im Inneren nicht dabei sind, wenn
sie solche Befehle ausführen. Auch das wissen wir und deshalb meine Erinnerung an die
Deserteure.
Zur aktuellen Situation möchte ich unterscheiden zwischen politischen Überlegungen
und - weil es eben unvermeidlich ist - militärischen Überlegungen. Zunächst zu den
politischen Überlegungen der letzten Wochen und Monate. Es ist überhaupt kein Zweifel,
daß Milosevic eine verbrecherische Politik verfolgt, die verurteilt werden muß. Und es
ist kein Zweifel, daß alles versucht werden muß, diese verbrecherische Politik zu
stoppen, ihr Einhalt zu gebieten. Und es ist anerkennenswert, daß die westliche
Staatengemeinschaft das versucht, daß sie sich engagiert, und dennoch sind wir
verpflichtet, kritisch zu überlegen, ob die bisherige Entscheidung richtig war.
Ich muß hier daran erinnern, daß bei den Entscheidungen der letzten Wochen und Monate
zwei schwere Fehler gemacht worden sind, die langfristig wirken werden. Einmal, daß man
die UNO zur Seite geschoben hat. Das war ein schwerer Fehler, man sollte daraus lernen.
Wer Frieden will, muß das Recht stärken. Wer internationalen Frieden will, muß das
internationale Recht stärken. Es gibt keinen anderen Weg. Und das internationale Recht
kann nur durch die Vereinten Nationen konstituiert werden, nicht durch andere, die sich
selbst mandatieren. Deshalb ist es gut, daß jetzt der Versuch unternommen wird, die
Vereinten Nationen wieder einzubeziehen. Man kann aus Fehlern lernen, und hier sollte man
auch, und hier appelliere ich nicht nur, so einfach mache ich mir das nicht, an die
deutsche Regierung. Hier appelliere ich an die europäischen Regierungen. Man sollte
gegenüber dem amerikanischen Bündnispartner deutlich machen, daß das Zur-
Seite-Schieben der UNO ein Fehler ist. Daß wir nur dann längerfristig eine vernünftige,
eine richtige, eine gerechte und friedliche Politik machen können, wenn wir uns auf
Regeln des internationalen Rechts, so schwer das auch immer sein mag da oder dort,
verständigen.
Der zweite große Fehler - und auch hier appelliere ich an die europäischen
Regierungen, dem entgegenzutreten - war es, die augenblickliche Schwäche Rußlands
auszunutzen und Rußland nicht miteinzubeziehen. Wir werden auf der Welt keinen Frieden
erreichen können ohne Rußland. Und wir werden in Europa keinen Frieden erreichen können
ohne Rußland. Und wir Deutschen, wir sollten niemals vergessen, was Gorbatschow
beispielsweise für dieses Volk, für Deutschland, durch seine Politik bewirkt hat. Wir
haben eine Verpflichtung zum fairen Umgang mit Rußland, Rußland einzubeziehen, und auch
hier möchte ich es begrüßen, daß man gelernt hat und jetzt versucht, Rußland stärker
einzubeziehen. Und wenn da oder dort zu Recht kritisiert wird, daß die Organe der UNO,
der Sicherheitsrat, daß sie manchmal Schwierigkeiten bereiten, wenn es darum geht,
Entschließungen durchzusetzen, für uns für richtig gehaltene Entschließungen
durchzusetzen, dann erinnere ich daran, daß es gute Vorschläge gibt, auch die UNO zu
reformieren. Natürlich ist die UNO, die nach dem Kriege so verfaßt worden ist, heute
reformbedürftig. Das Veto-Recht einzelner Mächte gegen internationales Recht ist
fragwürdig. Also laßt uns die UNO reformieren, aber wir dürfen sie nicht beiseite
schieben und so tun, als könnten wir uns selbst den Auftrag erteilen.
Es ist nicht möglich, darüber zu rechten heute, ob alles getan worden ist, um mit
friedlichen Mitteln ein besseres Ergebnis zu erreichen und Mord und Vertreibung zu
stoppen. Ich wäre überfordert, ich war bei vielen Verhandlungen nicht dabei, und wie ich
ausgeführt habe, gehen die Entscheidungen und gehen die Bemühungen bereits über viele
Jahre. Ich möchte allerdings klarstellen, daß die jüngsten Entscheidungen wie folgt
abgelaufen sind: Nach dem Wahlsieg der rot-grünen Koalition im letzten Jahr war die
Regierung Schröder noch nicht gebildet, und die Regierung Kohl lud uns ein, um unsere
Zustimmung zur Entscheidung des Deutschen Bundestages, des alten Deutschen Bundestages, zu
finden, die darauf hinauslief, für die Alarmbereitschaft von NATO- Verbänden auch
deutsche Truppenteile zur Verfügung zu stellen.
Ich fühle mich verpflichtet, heute hier noch einmal darauf hinzuweisen, daß ich als
Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei diesem Gespräch die Frage
gestellt habe, ob ein solcher Beschluß des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung
eine Automatik in Gang setzt, die keine politische Konsultation mehr zuläßt, bevor es zu
einem militärischen Angriff kommt. Die Antworten der beteiligten Minister, des
Verteidigungsministers, des ehemaligen, und des Außenministers waren unterschiedlich. Ich
ließ mir an diesem Tag vom Außenministerium schriftlich bestätigen, daß eine solche
Entscheidung des Deutschen Bundestages keine Automatik in Gang setzt dergestalt, daß es
keine ... (Hier unterbrach Oskar Lafontaine seine Rede, da ein Zuhörer medizinisch
versorgt werden mußte) ... Ich war dabei, auszuführen, daß der Beschluß des
Bundestages im Oktober keine Automatik in Gang gesetzt hat, daß es also möglich war,
vorher, bevor es zu einem Angriff kam, noch einmal eine politische Runde zu machen, in der
entschieden werden mußte, politisch entschieden werden mußte, ob aus der
Alarmbereitschaft ein Angriffsbefehl wird.
Auf dieser Grundlage habe ich als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands zugestimmt, weil es nicht verantwortbar gewesen wäre, nach all den
Vorbereitungen und nach all dem, was vorher von den Regierungen Europas und den
Vereinigten Staaten auf den Weg gebracht worden ist, innerhalb weniger Tage zu stoppen
oder gar zu verändern. Ich habe während der Verhandlungen von Rambouillet allerdings im
Kabinett darauf bestanden, daß, bevor es zu einer Kabinettsentscheidung käme, die
Zustimmung Deutschlands zu einem militärischen Angriff beinhaltet, daß es vorher zu
einer ausführlichen Erörterung der militärischen Planungen kommen muß, weil ich der
Auffassung bin, daß es nicht möglich ist, Militäreinsätzen zuzustimmen, ohne die
Planungen und deren Auswirkungen zu kennen und sorgfältig zu diskutieren.
Es kam vor meinem Rücktritt vom Amte des Finanzministers nicht mehr zu einer solchen
Darstellung der militärischen Überlegungen und deshalb kann ich nur im nachhinein
urteilen. Ich bin der Auffassung, daß die jetzige militärische Vorgehensweise überhaupt
nur begründbar ist, wenn man darauf setzte, daß nach militärischen Angriffen es wie vor
einigen Jahren zu einer Unterschrift von Milosevic kommen würde und daß diese
Unterschrift dann die Kriegshandlungen beenden wird. Nur wenn man damit fest rechnen
konnte, war die Vorgehensweise militärisch, nach meinem Urteil, begründbar und
verständlich.
Wenn man damit aber nicht rechnen konnte, wenn, wie dann im Vordergrund der Diskussion
stand, der Schutz der Bevölkerung im Kosovo das wichtigstes Ziel der militärischen
Einsätze war, dann ist die militärische Einsatzplanung derzeit für mich nicht
nachvollziehbar, unter keinem Gesichtspunkt nachvollziehbar.
Jeder Vergleich hinkt. Aber was würde man von einer Polizei halten, die in Erfahrung
bringen würde, daß von dem Ort A nach B eine Gruppe zieht, um in B Menschen zu
vertreiben und zu ermorden und die als Antwort gäbe, jetzt bombardieren wir in A
Brücken, Treibstofflager, Schienenwege und so weiter. Eine solche Polizei würde keine
Minute im Inneren einer Republik in dieser Handlungsweise akzeptiert werden. Und ich weiß
natürlich, daß die Dinge so einfach nicht übertragbar sind. Aber ich glaube, daß
dieses Beispiel doch zeigen kann, daß die militärische Planung nicht so stark war, weil
sie den Fall der Nichtunterschrift nicht kalkulierte und weil sie jetzt nach meiner
Überzeugung in einer Sackgasse gelandet ist.
Ich möchte hier den nach Amerika ausgewanderten jugoslawischen Lyriker Charles Dimic
zitieren, der nach meiner Auffassung die jetzige Lage gut beschrieben hat. »Die
Bombardierung von Städten gehört zu den großen Spektakeln des späten 20. Jahrhunderts.
Das trifft heute im Fernsehzeitalter in noch viel höherem Maße zu als in den Tagen des
Rundfunks und der Tageszeitungen, als vieles noch der Phantasie überlassen bleiben
mußte. Jetzt können wir uns mit einem kühlen Bier, einer Tüte Kartoffelchips auf das
Wohnzimmersofa setzen und die nächtlichen Bombardements auf Bagdad oder Belgrad
verfolgen. Ich bin sicher, daß die Bombardierung von Hiroshima oder Dresden live im
Fernsehen übertragen worden wären, wenn es die entsprechende Technologie bereits gegeben
hätte. Heute sitzen wir in unseren Hausschuhen da und schauen uns solche
Entsetzlichkeiten an. Die Kinder wollen vielleicht, daß auf ein, irgendein anderes
Programm umgeschaltet wird, und wir sagen: >Einen Moment noch.<« Ganz gleich, was
irgendwelche Generäle oder Politiker behaupten, Bombardierung ist eine Form kollektiver
Bestrafung. Das ganze Gerede vom systematischen Angriff auf den Feind, von der Aushöhlung
seiner Kapazitäten, seiner Ermüdung und schließlich von seiner Zerstörung dient nur
der Verschleierung der Tatsache, daß hierbei die Unschuldigen ebenfalls einiges
abbekommen werden. Das ist die Problematik, in die die Bombardierung uns geführt hat:
Immer mehr Unschuldige werden Opfer dieser Bombardements. Und deshalb fordere ich hier vom
Deutsch-Französischen Garten aus die Verantwortlichen auf, darauf hinzuwirken, daß diese
Bombardierung eingestellt wird. Und daß man unter Einbeziehung der Vereinten Nationen,
unter Einbeziehung Rußlands, auch unter Konsultation Chinas am Verhandlungstisch einen
Weg findet, um Mord und Vertreibung in Jugoslawien zu stoppen und zu beenden. Nicht nur
dieser Schriftsteller ist bitter, auch unsere Nachbarn sind bitter, die direkten Nachbarn
Jugoslawiens. Ich zitiere György Konrad, den ungarischen Schriftsteller, der vielen hier
in Deutschland bekannt ist. Er schreibt verbittert: »Wenn die Herren des Wolkenhimmels
der Bombardierung überdrüssig geworden sein sollten, werden sie den Balkan aufgeben wie
früher Afghanistan und die Schauplätze der ethnischen Kriege in Afrika, nicht ohne den
Rat zu erteilen, die Einheimischen sollten wieder aufbauen, was sie in Schutt und Asche
gelegt haben und versuchen miteinander auszukommen.« Und er schließt seinen Aufsatz mit
dem Satz: »Wer schützt uns vor dem mangelnden Sachverstand, der mit jeder neuen
Generation auf die Bühne tritt?«
Deshalb begrüße ich jetzt, daß der Bundeskanzler einen Marshallplan ins Gespräch
gebracht hat, daß jetzt darüber gesprochen wird, wie das Zerstörte wieder aufgebaut
werden kann, aber wenn wir dann abends die Fernsehbilder sehen, sehen daß Brücken
zerstört werden und dann daran denken, daß sie demnächst wieder aufgebaut werden
sollen, dann fragen wir uns doch nach dem Sinn solcher Bombardements, wohin sie führen
und in welcher Vernunft solche Vorgehensweise begründet ist. Es geht hier um viel
Diplomatie, es führen sicherlich nicht lautstarke Diskussionen der Verantwortlichen
weiter, und alle vorschnellen Pläne, die veröffentlicht werden, rufen, das weiß jeder,
der die internationalen Mechanismen kennt, nur Widerstände hervor. Aber ich hoffe, daß
die europäischen Regierungen und ich hoffe auch nach den Entscheidungen des
amerikanischen Kongresses, daß auch die Clinton-Administration erkennt, daß sie sich in
eine Sackgasse verrannt hat und daß es notwendig ist, an den Verhandlungstisch
zurückzukehren.
Ich höre jetzt oft den Satz, die NATO müsse ihr Gesicht wahren. Sie könne jetzt
nicht anders, sie müsse jetzt siegen. Nietzsche hat geschrieben, in »Also sprach
Zarathustra«: »Euer Friede sei ein Sieg.« Ich frage hier aber, wessen Sieg wäre dieser
Sieg eigentlich? Was bedeutet eigentlich Gesichtswahrung gegenüber dem Elend der
Menschen, die unter diesem Krieg leiden? Es geht nicht um Sieg und um Gesichtswahrung, es
geht darum, Menschenleben zu retten und das Elend zu beenden in Jugoslawien.
Jetzt sind wieder Vorschläge gekommen, ein Ölembargo zu verwirklichen. Und wenn ich
diese Vorschläge höre, dann kann ich manchmal bitter werden. Und ich möchte das heute
sagen. In bitteren Stunden denke ich, ein Ölembargo geht nicht, weil man mit
Öllieferungen Geld verdienen kann. Ein Waffenembargo geht nicht, weil an
Waffenlieferungen Geld verdient werden kann. Was scheinbar in einer Welt, in der
Geldverdienen so sehr das Handeln bestimmt, geht, sind Waffenlieferungen, Öllieferungen
und Kriegsführung, weil an allem Geld verdient werden kann. Das ist die bittere Wahrheit.
Und deshalb bleibe ich auch bei der Forderung der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands, die da heißt, es ist moralisch nicht verantwortbar, Waffen in
Spannungsgebiete zu liefern. Diejenigen, die dieses Land hochgerüstet haben, haben
ebenfalls Verbrechen begangen. Ich bitte euch alle, achtet auf die Sprache. Und ich bitte
diejenigen, die Sprache in Stellungnahmen verwenden, die eigene Sprache zu überprüfen.
Wenn ich höre, daß da Frauen und Kinder ums Leben kommen, und wenn ich dann offizielle
Sprecher höre, wenn sie sagen, das sind Kollateralschäden, dann kann ich das nicht mehr
verstehen. Diese Menschen müßten doch zur Besinnung kommen. Würden sie, wenn ihre
eigenen Frauen und Kinder ums Leben kämen, davon sprechen, daß Kollateralschäden
eingetreten sind? Das ist doch die Frage, die sich jeder stellt, der aufmerksam die
Nachrichten, die Bilder des Tages verfolgt und die Sprache verfolgt, die in so unglaublich
leichtfertiger Weise immer dann, wenn es um Militärisches geht, angewandt wird.
Noch ein Beispiel: Als vor einigen Jahren bombardiert werden soll, hieß es, wir wollen
serbische Stellungen bombardieren. Und ich fragte hartnäckig, wer befindet sich denn in
diesen Stellungen? Und warum weigert ihr euch, die Dinge beim Namen zu nennen, daß das
Bombardieren auch heißt, Menschen umzubringen und zu töten?
Noch einmal: Keiner kann einfache Antworten geben, und niemand ist heute in der Lage,
eine Lösung anzubieten, die den Ausweg mit Sicherheit bringen kann. Aber wir sollten an
dem anknüpfen, was wir uns über viele Jahre erarbeitet haben. Wir sollten, und das sage
ich an die Adresse meiner Freunde in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, wir
sollten weiterführen die Friedens- und Entspannungspolitik Willy Brandts, die das beste
Erbe der sozialdemokratischen Außenpolitik nach dem Kriege darstellt.
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Letzte Änderung: 09.03.01
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