|
Zurück zur Startseite | Zurück zur
Balkan-Seite
| Die Alternative zum Luftangriff (von
Hermann Scheer, SPD-MdB) |
 |
Die Frage, wie man aktuell die Menschenjagd im Kosovo anders als durch den
Nato-Militärschlag beenden könnte, bringt viele zum Schweigen. Auch die meisten Kritiker
wollen gegenüber den Vertreibungsopfern nicht als mitleidlose völkerrechtliche
Bedenkenträger erscheinen. Mit dem Apodiktum "keine Alternative" lenken die
Befürworter des Nato- Luftangriffs jedoch davon ab, daß sie selbst in extremer Beweisnot
sind, ob sie mit Bombenschlägen ihr Ziel erreichen, die humanitäre Katastrophe zu
verhindern.
Viel wahrscheinlicher ist, daß sie das Gegenteil bewirken: daß der ethnische
Flächenbrand immer weitere Kreise zieht. Vorgestern die hierzulande großzügig
übersehenen ethnischen Flurbereinigungen Kroatiens; gestern die ethnischen Gebiets- und
Stadtspaltungen, die Massaker und Pogrome in Bosnien-Herzegowina; heute Kosovo - und
morgen das Zuschneiden weiterer Staatssplitter entlang der Haßgrenzen in Makedonien und
Montenegro?
Tatsächlich vollzieht sich vor unseren Augen das desaströse Scheitern der westlichen
Jugoslawienpolitik der 90er Jahre. Deren elementarer Fehler war es, daß nie ernsthaft
versucht wurde, die Aufsplitterung des von Tito geschaffenen Jugoslawischen Bundes zu
verhindern. Die Bedenkenlosigkeit, mit der dessen Zerschlagung unterstützt wurde, ist nur
erklärbar mit der außenpolitischen Wendeatmosphäre der frühen 90er. Damals wurde alles
als politisches Wegwerfprodukt betrachtet, was irgendwie nach Kommunismus roch. Dabei
wurde sogar die Sonderrolle Jugoslawiens vergessen, das, außerhalb des Sowjetblocks
stehend, den Menschen relative Meinungsfreiheit und Freizügigkeit gewährte.
Gewiß: der Jugoslawische Bund zerfiel seit Titos Tod. Separatistische Ambitionen
blühten in den 80ern wieder auf, alte völkische Ressentiments wurden aufgewärmt. Um so
mehr hätte schon ein flüchtiger Blick in die gewaltreiche Geschichte dieser Region
zeigen müssen, daß die halbwegs gelungene Integration Jugoslawiens für das
Zusammenleben seiner Völkerschaften ein Segen war. Alles hätte versucht werden müssen,
Jugoslawien zusammenzuhalten; etwa durch ein Assoziierungsangebot der EG - in Verbindung
mit der Reform zu einer Konföderation, die den auseinanderstrebenden Bundesstaaten mehr
Kompetenz gegeben hätte.
Dafür hat sich Gorbatschow seinerzeit intensiv eingesetzt und stand kurz vor dem
Erfolg. Doch mitten in diese Bemühung platzte das Genschersche fait accompli der
völkerrechtlichen Anerkennung Sloweniens, dem dann zwangsläufig eine Kettenreaktion
folgte: Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Makedonien... Das Verhängnis nahm seinen Lauf,
angeheizt von abenteuerlichen Ambitionen nach einem "Großserbien",
"Großkroatien", "Großbosnien", "Großmakedonien" oder
"Großalbanien". So wurden die ethnischen Konflikte aufgewiegelt.
Niemals hätte man dem sich radikalisierenden ethnischen Geist in Jugoslawien
international anerkannte eigene Staatsräume geben dürfen - doch davon wollten unsere
historisch unkundigen Anerkennungspolitiker nichts wissen. Man dürfe, so hieß es, den
jugoslawischen Teilstaaten nicht das Selbstbestimmungsrecht verweigern, das Deutschland
gerade mit der Vereinigung erhalten hatte. Dabei wurde übersehen, daß es einen
fundamentalen Gegensatz gibt zwischen einer nur ethnisch begründeten Selbstbestimmung und
jenem Selbstbestimmungsprinzip, das Demokratie für die in einem Staatsgebiet lebenden
Menschen vor ethnische Autonomie stellt. Letzteres ist die Selbstbestimmungsidee des
Grundgesetzes. Es gehört wesensbildend zur Geschichte der Bundesrepublik, daß die
Demokratie und sogar die Westbindung vor der staatlichen Einheit standen.
Kroatien wurde sogar auf der Basis einer Verfassung anerkannt, die den serbischen
Minderheiten das volle Bürgerrecht verweigerte. Bosnien-Herzegowina bleibt ein absurdes
Gebilde: ein Staat, der von seiner serbischen und kroatischen Mehrheit abgelehnt wird, die
lieber zu ihren jeweiligen Kernstaaten gehören wollen. Auch das staatliche
Autonomiestreben des Kosovo ist eine logische Konsequenz der vorhergehenden Beispiele und
keineswegs nur eine Reaktion auf die Unterdrückung durch Serbien.
Wer diese Tragödie beenden will, der muß die Perspektive einer föderalistischen
Reintegration des einstigen Jugoslawien (nun wohl mit der Ausnahme Sloweniens) wieder
aufgreifen. Zu spät, lautet der professionelle Einwand, zu viel Blut sei geflossen, zu
viel Haß habe sich aufgestaut. Doch dieses Argument verleugnet die erfolgreiche
europäische Integrationsidee, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg formuliert wurde -
gerade weil Europa zum Schlachthaus geworden war.
Stets war dabei klar, daß die europäischen Integration Jahrzehnte dauern würde. Um
sie zu verwirklichen, mußte sie aber politische Leitlinie werden. Nur wer ein Ziel hat,
kann seine Schritte darauf abstimmen und andere dafür gewinnen. Ebensowenig sticht der
Einwand, daß es für einen jugoslawischen Bundesstaat in der EU oder in der Nato keine
Zustimmungschance gebe: Die deutsche Außenpolitik initiierte 1991 das Drama und verwarf
dabei schwerste Bedenken aus London, Paris und Rom. Sie kann auch die neue Perspektive
initiieren helfen, wahrscheinlich zur Erleichterung aller. Denn die Aussichten für
Jugoslawien werden sonst immer weitere Versuche ethnischer Staatssäuberungen und
gewaltsamer territorialer Neugliederungen sein, die von teuren, langwierigen Nato-
Aktionen gelegentlich gebremst werden können.
Wir können uns also aus Jugoslawien weder heraushalten noch uns einbilden, die
fundamentalen Widersprüche von außen mit Militärgewalt überwinden zu können. Wir
müssen die Jugoslawienpolitik grundlegend revidieren. Dem Einwand, die Reintegration sei
eine Illusion, weil man die ethnischen Staatsführer dafür nicht mehr an einen Tisch
bringe, ist zu entgegnen: Diesen bliebe kaum die Wahl, sich zu verweigern; sie haben ihre
Staaten schon in den wirtschaftlichen Ruin getrieben und können sich nur noch vorläufig
durch ethnisches Aufputschen gegen die jeweils anderen halten.
Die klare Erkenntnis ist: Der Versuch, das Gesamtproblem durch Zerlegen in staatliche
Einzelteile zu lösen, ist gescheitert. Eine Friedens- und Integrationskonferenz, mit
daran geknüpften EU-Hilfs- und Assozierungsangeboten: das ist die Alternative.
taz Nr. 5798 vom 29.3.1999, Waiblinger Kreiszeitung vom 1.4.99
Zurück zur Startseite | Zurück zum
Seitenbeginn
Letzte Änderung: 09.03.01
|