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Rede Sabine Leidig (Vorsitzende DGB Region Mittelbaden) 


Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

Auf der DGB-Bundesfrauenkonferenz wurde am vergangenen Wochenende ein Antrag verabschiedet, der folgende klare Aussage enthält enthält:

„Krieg als Antwort auf eine Straftat ist keine Lösung. Den Militär-Einsatz deutscher Soldaten lehnen wir ab.“ Außerdem heißt es dort auch: „Auf Armut und Unterdrückung lässt sich kein Frieden bauen. Langfristig wird Terrorismus nur zu bekämpfen sein, in dem ihm der wirtschaftliche, soziale, politische und ideologische Nährboden entzogen wird.

Der DGB-Landesbezirk Baden-Württemberg hat in seiner Erklärung die Schaffung einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung als Notwendigkeit beschrieben, die Abkehr der auf Deregulierung ausgerichteten Politik des IWF und der Weltbank verlangt und die Einführung einer Steuer auf spekulative Finanztransfers (Tobin-Tax), sowie einen Schuldenerlass für Entwicklungsländer gefordert.

Ich stehe heute hier nicht nur als DGB-Frau und Mitglied im DGB-Landesbezzirksvorstand, nicht nur als langjährig in der Friedensbewegung Aktive, sondern auch neuerdings als quasi Taufpatin einer regionalen attac-Gruppe in Karlsruhe und ich möchte aus dieser Perspektive einige Gedanken zu dieser Kundgebung beitragen:

Die Kritikvon attac richtet sich auf die neoliberale Weltpolitik, mit der sich eine Minderheit von Starken auf Kosten einer großen Mehrheit von Schwächeren gewaltige Reichtümer und Privilegien angeeignet hat.

Der türkische Schriftsteller Pamuk sagt dazu:

" Der Westen hat leider keine Vorstellung von dem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen." "Heute" - so fährt Pamuk fort, "ist das Problem des Westens weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Gasse, welcher fernen Stadt seine neue Bombe vorbereitet, um dann auf ihn Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist mehr die seelische Verfassung der Armen, Erniedrigten und stets im ‚Unrecht' stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt."

Während Menschenrechtler, Hilfsorganisationen, Globalisierungskritiker, Gewerkschaften, Friedensforscher, Kirchenleute und kluge Wissenschaftler zum Umsteuern Mahnen, versuchen die Herrschenden auf dieser Welt mit militärischen Mitteln, mit Krieg ihre Macht zu zementieren. Und nebenbei schaffen sie sich mit den sogenannten Sicherheitsgesetzen einen Instrumentenkoffer, der auch gegen Systemkritiker im eigenen Land taugt.

Es gab einen Moment des Innehaltens nach dem 11. September und die Hoffnung ist aufgekeimt, dass auch die Mächtigen, auch die Herren in den Chefetagen der Konzerne, die Börsenspekulanten und Militärs, die wirtschaftsgläubigen Politiker und die Banker die Verletzlichkeit ihres Systems erkennen und – auch im eigenen langfristigen Interesse – Schritte zu einer neuen Weltpolitik unternehmen.
Die Allianz gegen den Terrorismus hätte mit Elementen der Demokratisierung, der Weiterentwicklung der UNO, wirtschaftlichen Zusammenarbeit; Entschuldungs- und Entwicklungsprogrammen gefüllt werden können.

Aber keines dieser Elemente wurde aufgegriffen.

Stattdessen: Bombengeschwader, Cruise Missiles und Sreubomben gegen eines der ärmsten Länder, von dem nicht einmal gewiss ist, dass von hier aus die Überfälle vom 11. September organisiert wurden. Hunderttausende auf der Flucht, zigtausend Kinder vor dem Verhungern. Vergebliche Notrufe von Hilfsorganisationen. Das war und ist weder gerechte Selbstverteidigung noch nachvollziehbare Strafaktion.

Und als nächstes sollen Somalia, der Sudan und/oder der Irak mit Krieg überzogen werden – verelendete Völker auch da und kaum Perspektiven auf menschenwürdiges Leben.

Die Hoffnungsschimmer sind unter der Gewalteskalation erloschen.

Dazu schrieb Gerhard Krumreich in der Süddeutschen Zeitung: "Nichts, gar nichts hat in der Logik der internationalen Politik jetzt dazu gezwungen, Bombenangriffe auf Afghanistan zu fliegen und damit, gegen den Trend des neuen Weltgewissens, die alten Solidaritäten der sich unterdrückt fühlenden Völker und Regionen gegen den imperialistischen Weltpolizisten wiederzubeleben."

Bei vielen Menschen ist eine Angst aufgebrochen, die nicht nur von der Erwartung neuer Anschläge herkommt und die nicht nur Hysterie ist wie jene nach der ersten Aids-Welle. Die Menschen spüren, dass etwas nicht mehr in Ordnung ist. Dass sie mit der ihnen verordneten westlichen Solidarität nicht wirklich dem Guten gegen das Böse dienen. Dass sie mit der weiteren Zerstörung eines ohnehin bereits kaputten Landes und der Vertreibung Hunderttausender in unsägliches Elend etwas Falsches tun. Sie ahnen, dass diese Art der sogenannten Vergeltung überall dort neuen Hass säen muss, wo der Terrorismus seinen Ursprung hat.

Die Messenaktionen der Globalisierungskritiker und den Zustrom zu attac deute ich als ein Signal, dass darüber hinaus wieder so etwas wie Kapitalismuskritik wächst und sich wieder mehr Menschen gegen Ungerechtigkeiten und deren ökonomische Wurzeln aktivieren – für die erzenen Reiter des Neoliberalismus eine zumindest störende Entwicklung, vielleicht auch eine Gefahr.

 Jede abgeworfene Bombe soll die Einsicht verdrängen, dass der Westen umdenken muss. Dass die Strategie, die zur materiellen Übermacht einer Minderheit über die Ohnmacht einer abgekoppelten Mehrheit geführt hat, am Ende ist. Sie hat eine Menschheit auseinandergerissen, die nur in einer globalen fairen Zusammenarbeit überlebensfähig ist.

 Die Kriegspolitik steht einer notwendigen Umgestaltung der Welt konträr entgegen und damit den Lebensinteressen der allermeisten Menschen, besonders in den armen Ländern, aber auch in den Industrienationen, wo die Verteilungs-Ungechtigkeit des entfesselten Kapitalismus immer mehr Ausgrenzung und soziale Unsicherheit schafft.

 Es wächst bei vielen ganz normalen Leuten die Erkenntnis, dass wir elementar auf Gegenseitigkeit angelegt sind und daraus die Einsicht, dass wir in Achtung voreinander gerecht zu teilen haben. Umso mehr macht es wütend, wenn uns jetzt das Gegenteil verordnet wird, nämlich ähnlich wie im Kalten Krieg wieder eine geistige Spaltung der Welt. Diesmal heißt es nicht, entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für den Kommunismus. Sondern neuerdings: Entweder ihr seid für uns oder für den Terrorismus.

Dieser Logik müssen wir uns wiedersetzen und insbesondere unsere KollegInnen in den Betrieben und den Gewerkschaften für den Widerstand gewinnen.

Aus vielen Gewerkschaften, aus DGB-Regionalkonferenzen und Basisgruppen gibt es bereits Beschlüsse und Erklärungen gegen den Krieg. Die Position des DGB-Bundesvorstand, mit der in inakzeptabler Vasallentreue die SPD-Regierungsposition unterstützt wird, ist nicht Ergebnis innergewerkschaftlicher Demokratie!

Ich zitiere beispielhaft den Schlusssatz aus einer Erklärung der IG Metall Berlin: "Wir sehen unsere Gewerkschaft als Teil einer globalen Bewegung, die für die Zivilisierung der Außenpolitik kämpft, Chancen für eigenständige wirtschaftliche Entwicklung weltweit einfordert und interkulturell Solidarität in unserer Organisation und darüber hinaus praktiziert und durchsetzt."

 „Es geht um die fundamentale Abkehr von der spalterischen Weltanschauung, nach welcher die Sieger in der neoliberalen Konkurrenzschlacht berufen seien, bei den Verlierern die Dürftigkeit, die Schwäche und das Leiden zurückzulassen, um sich selbst zur Überlegenheit aufzuschwingen. Diese Vision ist pleite. Das in ihr verewigte Prinzip der Ungerechtigkeit ist am Ende.“

Das sagte Horst-Eberhardt Richter beim attac-Kongress in Berlin.

Wir können und müssen uns den Protagonisten dieses Systems der Ungerechtigkeit mit aller Kraft entgegenstellen, denn die schrecken nicht davor zurück, Zerstörung und Krieg einzusetzen, um ihre Macht zu sichern.
Lasst uns die Idee der sozialen Humanisierung mit der Idee des Friedens verbinden. Es gibt Hunderttausende auf der ganzen Welt, die mit uns kämpfen Die Chancen sind nicht schlecht, die Herzen und Köpfe der Menschen zu erreichen und Millionen gegen die Millionäre zu mobilisieren!


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Letzte Änderung: 17.03.04