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| Rede von Dieter Lachenmayer auf der
Auftaktkundgebung des Ostermarsches in Stuttgart am 16.4.1
Das Copyright für das Foto liegt bei (c) Stefan
Philipp/Redaktion ZivilCourage. Bei einer Veröffentlichung ist das
anzugeben.
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Liebe Friedensfreundinnen,
wir können heute ein Jubiläum begehen.
Am Karfreitag 1961 starte in Miltenberg am Main der erste Südwestdeutsche
Ostermarsch. Ein Zweig führte nach Heidelberg und Mannheim, ein anderer nach
Heilbronn und Stuttgart. Am Ostermontag trafen die Ostermarschiererinnen in
Stuttgart ein.
Ich begrüße Euch also im Namen des baden-württembergischen
Friedensnetzes zu 40 Jahre Ostermarsch in Stuttgart!
Unser Marsch ist eine gute Sache. Das alte Ostermarschlied galt
damals und e stimmt heute. Damals ging es gegen die Atombewaffnung der
Bundeswehr. Das sei lediglich eine Weiterentwicklung der Artillerie, hatte
Bundeskanzler Adenauer verlautet.
Die Ostermärsche trugen dazu bei, daß der Bundeswehr diese finale
Artillerie bis heute vorenthalten wurde.
Trotzdem - auch heute geht es wieder und immer noch um Atomwaffen.
Noch immer lagern atomare Sprengköpfe im Lande. Noch immer bedroht
ein vielfacher Overkill jedes Leben auf diesem Globus.
In ihrer neuen Militärdoktrin, behält sich die NATO ihren
Ersteinsatz ausdrücklich vor.
Und schon wieder oder immer noch träumen die Militärs davon, ,
Atomwaffen gefahrlos für das eigene Land einsetzbar zu machen.
Das ist der Hintergrund der sogenannten neuen Raketenabwehr NMD".
Sie bedeutet nichts anderes als einen neuen Versuch den Atomkrieg führbar und
gewinnbar zu machen.
Die Ostermärsche der 80iger haben ihren Anteil daran, daß der
damalige Versuch, den Atomkrieg zu ermöglichen, gescheitert ist. Die
Raketenstartrampen in Heilbronn, in Mutlangen in Neu Ulm mußten wieder abgebaut
werden.
Wir rufen dazu auf, auch diesem neuen Krieg der Sterne Widerstand
entgegenzusetzen.
Aber die Ostermarschbewegung, die Bewegung für Frieden und Abrüstung
kann nicht nur auf Erfolge zurückblicken.
Der eigentliche Erfolg ist bis heute ausgeblieben:
Die Umkehr der deutschen Politik zum Prinzip des Friedens. Eine
Politik der Abrüstung und der Friedenssicherung ohne Waffen.
Im Gegenteil: Erst zwei Jahre ist es her, daß die Bundesrepublik
Deutschland wieder offen und ohne jedes Unrechtsbewußtsein Krieg geführt hat.
Weder die Scham vor der Vergangenheit, noch die Skrupel vor den
Opfern hinter den Zielbildschirmen, noch
der Blick ins Grundgesetz hinderten deutsche Bomberpiloten und ihre politischen Auftraggeber
daran, ihre Schächte über Städten und Fabriken, Straßen und Brücken,
Fernsehsendern, Schulen und Krankenhäusern zu öffnen.
Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik, hat man uns in der
Regierungsvereinbarung der aktuellen Bundesregierung versprochen - bekommen
haben wir den Krieg.
Warum braucht eine Außenpolitik, die sich als Friedenspolitik
versteht, ein neues 260 Million Mark teures Kriegsschiff, dessen einziger Zweck
darin besteht, einen deutschen Flottenverband fern der Heimat kriegsfähig zu
versorgen?
Was hat diese deutsche Außenpolitik vor mit neuen Fregatten,
fliegenden Truppentransportern und Eingreiftruppen, die erklärtermaßen nicht
zur Verteidigung, sondern zur "Sicherung von Märkten und Rohstoffen"
in aller Welt erforderlich sind?
Statt der versprochenen Friedenspolitik bekommen wir den Umbau der
Bundeswehr zur Interventionsarmee.
Ca. 900 Milliarden DM sind per jährlichem Rüstungshaushalt für die
Bundeswehr in den nächsten 15 Jahren ohnehin verplant. 220 Milliarden DM
fordert Rüstungsminister Scharping zusätzlich um den Umbau zur erstklassigen
Eingreifarmee zu finanzieren.
Wer kann sich diese Summe vorstellen? Mehr als eine Billion.
Ein Klacks wäre es, davon das Renten, das Gesundheits und das
Bildungssystem auf einen Satz zu sanieren.
Arbeitslosikeit? Kein Problem, dieses Geld schafft Lohn und Brot für
alle. Ein Bruchteil davon würde reichen, die UNO-Programme gegen den Welthunger
zu finanzieren.
Was aber werden wir stattdessen mit diesem von den Menschen
erarbeiteten Geld erreichen?
Eine kriegs und eingreiffähige Bundeswehr!!
Nein, wer auf militärisches Eingreifen in fremden Ländern
hinarbeitet, betreibt keine Friedenspolitik.
Ein Blick in die Geschichte, zumal die deutsche, beweist es: Wer Rüstung und Militär sät, wird Krieg ernten.
Liebe Freundinnen und Freunde,
Friede bleibt ein Menschheitstraum. Dennoch gelingt es immer, die
Menschen von der Unvermeidlichkeit des Krieges zu überzeugen.
Auch beim Krieg gegen Jugoslawien ist dies gelungen.
Wir wissen heute, daß dies nur mit Lügen möglich war. Alles, was
als Kriegsgrund oder Kriegsrechtfertigung genannt wurde, hat sich als unhaltbar
herausgestellt.
Die Massaker von Rugova und Racak hat es nie gegeben, kein KZ im
Stadion in Pristina, keinen Hufeisenplan und keine systematische Vertreibung vor
dem Krieg.
Es gibt einen Kronzeugen dafür, daß diese Lügen kriegsentscheidend
waren: Jamie Shea der Sprecher der NATO - ich zitiere:
"Rudolf Scharping machte wirklich einen guten Job. Es ist ja
auch nicht leicht, speziell in Deutschland, das 50 Jahre lang Verteidigung nur
als Schutz des eigenen Landes gekannt hatte, seine Soldaten weit weg zu
schicken. ... Nicht nur Minister Scharping auch Kanzler Schröder und Minister
Fischer waren ein großartiges Beispiel für politische Führer, die nicht der
öffentlichen Meinung hinterher rennen, sondern sie zu formen verstehen. ...
Wenn wir die öffentliche Meinung in Deutschland verloren hätten, dann hätten
wir sie im ganzen Bündnis verloren."
Wenn Herr Shea recht hat, und daran zweifle ich nicht, dann macht mir
das Mut.
Es heißt, daß die Wahrheit über den Krieg und seine Vorbereitung
den nächsten Krieg verhindern kann.
Es bedeutet, daß jeder vergangene Ostermarsch und jeder Schritt künftiger
Friedensbewegung ein sinnvoller, wichtiger und notwendiger Beitrag dafür ist,
das Prinzip Frieden durchzusetzen.
Ich will es mit Bertold Brecht sagen:
Nichts wird mich davon überzeugen, daß es aussichtslos ist, der
Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Laßt uns das tausendmal gesagte immer
wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde."
Deshalb gilt heute unser besonderer Gruß an alle unter uns, die vor
40 Jahren marschierten und heute wieder dabei sind.
Ihr seid das Vorbild für den langen Atem, den wir alle brauchen.
Willkommen zum Ostermarsch.
Unser Marsch ist eine gute Sache!
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