Zeigen, dass man nicht für Krieg sein kann Auch wenn Jugoslawien aus dem Bewusstsein gedrängt wird: Die Friedensinitiative Waiblingen macht weiter Von unserem Redaktionsmitglied Veit-Ulrich Hoffmann Waiblingen. "Man kann nicht für Krieg sein. Schon gar nicht aus humanitären Gründen." So wie Slavica Steinert geht's den anderen zehn, zwölf Menschen von der Friedensinitiative Waiblingen auch. Sie wollen aufstehen, hinstehen, zeigen, "dass man was tut". Und sei's nur, um "unseren Kinder" nicht sagen zu müssen, "dass wir nichts getan haben". Der Krieg in Jugoslawien ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Das öffentliche Bewusstsein hat die Folgen für Menschen und Umwelt verdrängt. Die politischen Parteien, regierende wie oppositionelle, haben anderes zu tun, als ihre Positionen, ihre Beteiligung am Krieg aufzuarbeiten. Die Mitglieder der Friedensinitiative wollen nicht vergessen, "dass unser Land Krieg geführt hat". Sie wollen erinnern; sie wollen zeigen, dass ein Krieg Folgen hat, auch wenn er beendet ist; sie wollen zeigen, dass jeder Einzelne etwas tun kann. Auch und gerade wenn, zum Beispiel in Tschetschenien, schon wieder Menschen abgeschlachtet werden, auch und gerade wenn die Bundesregierung den Türken ein paar Panzer zum Probeschießen zukommen lässt. Die Friedensinitiative Waiblingen - das sind nicht viele Menschen. Zehn, vielleicht zwölf, die Friedens-arbeiten wollen, engagiert und nicht nur in der Initiative selbst. Die Friedensinitiative Waiblingen, das sind zum Beispiel Jutta Künzel, Slavica Steinert, Karl-Heinz Gößler und Lugi Pantisano. Jutta Künzel. In den ersten Tagen des Kriegs hat sie sich ein Plakat um den Hals gehängt, hat sich auf den Marktplatz in Waiblingen gestellt, hat Flugblätter verteilt, zu Friedensmärschen aufgerufen. "Es war für mich ein Schock, dass wir Krieg führen. Dass unser Land und unsere Regierung Krieg führen." Jutta Künzel ist SPD-Mitglied und Gemeinderätin. Auf dem Marktplatz hat sie mit Menschen gesprochen, die ähnlich dachten. Die Menschen haben sich mal Abends getroffen, seither gibt's die Friedensinitiative Waiblingen. Für die es mehr zu tun gäbe, als die Mitglieder tun können. Sie tun, was sie können. Sie verteilen Flugblätter, sie besetzen Info-Stände, sie reden, diskutieren, streiten. Mit Menschen von der Straße, mit den Nachbarn. "An der Basis" wollen sie zeigen, "dass man etwas tun muss und vorleben, dass man etwas tun kann". Zum Beispiel eine Brücke sperren und den Autofahrern so demonstrieren, was es heißt, wenn eine Verbindung plötzlich unterbrochen ist, weil von oben Bomben gefallen sind. Slavica Steinert. Sie lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Deutschland ist "meine Heimat", Jugoslawien "mein Vaterland". "Als Serbin fällt es mir sehr schwer, meine Gefühle zu beschreiben." "Unerträglich" waren "Wut und Ohnmacht, wenn Du im Fernsehen fast stündlich siehst, wie deine Familie und deine Stadt bombaridert werden". Slavica Steinerts Eltern leben in Belgrad. "Geht weg", hat Steinert ihnen am Telefon gesagt. "Wohin? Die Bomben fallen überall." Ein paar Meter von der chinesichen Botschaft entfernt wohnen die Eltern, in unmittelbarer Nähe zu Hotels, die bombardiert wurden. "Jedesmal wenn ich angerufen habe, wusste ich nicht, ob jemand abhebt." Steinerts Mann hat "sein ganzes Leben gewählt. Immer SPD." Er hat versucht, seine Söhne davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, zur Wahl zu gehen. Dann kam der Krieg. Slavica Steinerts Mann "wird nie wieder wählen". Karl-Heinz Gößler. Vor mehr als 30 Jahren hat er "unter schwierigsten Umständen" den Kriegsdienst verweigert. Seither versucht er, seine Form von Friedens-Arbeit zu finden und zu leisten. Der Waiblinger Initiative hat er sich auch angeschlossen, "weil die Medien Informationen unterschlagen haben". Weil bis heute einseitig berichtet werde. In Berlin und New York haben Hearings zu einem Nato-Tribunal begonnen. Den Vorsitz führt nicht irgendwer, sondern der frühere US-Justizminister Ramsey Clark. "300 Medien wurden angeschrieben, alle haben es unterschlagen." Veranstaltungen zum Tribunal soll's im nächsten Jahr auch in Stuttgart geben. Gößler will drauf hinweisen, will dafür werben. Er will die Rolle einer Nato, die ohne UN-Mandat Krieg führt, nicht dem Vergessen anheim geben. Gößler spricht die Folgen eines Krieges an. Folgen für die Menschen und die Umwelt in Jugoslawien, Folgen auch anderswo: "Die Russen beweisen sich in Tschetschenien als gelehrige Schüler der Nato." Karl-Heinz Gößler ist von Natur optimistisch: Es wird gelingen, die Menschen zu erinnern, sie können überzeugt werden. Der Hauptschullehrer hat mit seiner achten Klasse den ersten Weltkrieg durchgenommen, der mit zehn Millionen toten Menschen endete. "90 Prozent in der Klasse finden Krieg scheiße." Luigi Pantisano. "Ich habe für den Gemeinderat in Waiblingen kandidiert, weil ich irgendwo hinschreiben wollte, dass ich gegen Versuche bin, Konflikte mit Krieg zu lösen." Luigi Pantisano hat den Satz ins Wahlprogramm der Alternativen Liste geschrieben. In der Friedensinitiative Waiblingen engagiert sich Luigi Pantisano, weil er dort "etwas tun kann. Und weil ich gemerkt habe, dass es dort viele Leute gibt, die etwas tun wollen und mit denen ich etwas tun kann". Gegen das Vergessen eines Krieges mit deutscher Beteiligung in Jugoslawien will er sich ebenso einsetzen wie gegen einen Krieg oder dessen Vorboten anderswo auf der Welt. |
11. 12. 1999
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