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Rede Kathrin Vogler (DFG-VK)


Nicht mehr mit uns!

Liebe Freundinnen und Freunde,

der Krieg in Afghanistan schein zu Ende zugehen. Mit der Übergabe von Kandahar beherrschen die Taliban keine größere Stadt mehr. Die Friedenskonferenz in Bonn, so sagt man uns, habe Afghanistan einer friedlicheren Zukunft näher gebracht. Ist damit unser Protest überflüssig geworden? Ist unsere Kritik am „Krieg gegen den Terror“ und am Terror des Krieges damit hinfällig?

Nein! Zehntausende Menschen sind in diesem Krieg getötet oder verletzt worden. Millionen sind auf der Flucht. Osama bin Laden hingegen ist vermutlich bei bester Gesundheit und auf freiem Fuß. Es bleibt zweifelhaft, ob er auf diese Art gefangen werden kann.

Unrecht wird nicht zu Recht, nur weil es erfolgreich ist. Die Opfer der Bomben haben nichts vom Sieg der „Anti-Terror-Koalition“, an einem Friedensprozess können sie nicht mehr Teil haben. Der Preis war zu hoch und der Ausgang bleibt ungewiss.

Doch die Fortsetzung an einem anderen Schauplatz ist schon geplant. Seit Donnerstag wissen wir, wo zumindest ein Teil der 3.900 Bundeswehrsoldaten eingesetzt werden soll, die der Bundeskanzler dem Parlament abgetrotzt hat. In Dschibuti wird zu Zeit der Einsatz von Marinesoldaten und KSK-Kämpfern für Januar vorbereitet. Ihr Ziel ist Somalia. Damit wird deutlich: Es geht den Krieg führenden Staaten hier um mehr als um die Festnahme eines Verbrechers. Der US-Regierung geht es neben der Begleichung alter Rechnungen um das Ausfüllen ihrer neuen Rolle als alleinige Weltmacht und die Kontrolle strategisch wichtiger Weltregionen. Die Bundesregierung will mit allen Mitteln, auch mit dem Mittel des Krieges, an dieser Macht Teil haben. Dazu werden wir, liebe Freundinnen und Freunde und sogar das Parlament belogen.

Wie stolz waren doch die Grünen auf jene Protokollnotiz, die den Einsatz der Bundeswehr auf Afghanistan beschränken sollte. Schon da haben sich ja kluge Köpfe gefragt, was zum Teufel Marineeinheiten in einem Land ohne Küste sollen. Jetzt also Somalia. Später vielleicht Irak, Jemen oder Sudan Und dann?

Stehen uns nun Orwellsche Zeiten ins Haus, in denen die Kriege fortgesetzt werden, auch wenn Gegener und Verbündete wechseln,  in denen niemand mehr Grund und Ziel der Kriege kennt und man nicht weiß, ob nun der Krieg Ursache der Diktatur oder die Diktatur Ursache des Krieges ist? Orwells „Neusprech“, die alles verdrehende Sprachregelung, ist ja längst Wirklichkeit. Da werden Militäreinheiten zu „Friedenstruppen“, Kriege zu „Friedensmissionen“, Menschen zu „Weichzielen“. Und die Frage, wen oder was der Verteidigungsminister mit seiner aktuellen Politik eigentlich verteidigt, muss man sich zumindest stellen.

Die Bundeswehr wird zum beliebig einsetzbaren Instrument deutscher Außenpolitik. Soldatinnen und Soldaten, die gelobt haben „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, werden missbraucht um weltweit Kriege für politische und wirtschaftliche Interessen zu führen. 

Mit Verteidigung hat das Ganze ebenso wenig zu tun wie mit Recht und Freiheit. Jeder Soldat, der noch einen Funken Anstand und Mut besitzt, sollte in dieser Situation dem Verteidigungsminister sein Gewehr vor die Füße werfen und laut sagen: „Nicht mehr mit mir!“ Ein Bundeswehreinsatz in Somalia ist weder vom Völkerrecht noch vom Grundgesetz gedeckt. Ich fordere daher alle Soldatinnen und Soldaten auf, sich daran nicht zu beteiligen und alle Befehle zum Kriegseinsatz in Somalia zu verweigern. Unrechtmäßige Befehle dürfen Sie nicht befolgen! Erweisen Sie sich als Staatsbürger in Uniform, geben Sie ihr Gewissen und ihren Verstand nicht am Kasernentor ab! Jeder Soldat, der seine Einheit verlässt um nicht zum Werkzeug verantwortungsloser Machtpolitik zu werden, jeder Verweigerer und jede Deserteurin kann auf unsere Unterstützung zählen.

„Nicht mehr mit mir!“ Diesen Satz erwarten wir jetzt auch von den Politikerinnen und Politikern, die sich vor zwei Wochen noch der Erpressung durch den Bundeskanzler gebeugt wider besseres Wissen und Gewissen dem Bundeswehreinsatz zugestimmt haben. Einem Kriegseinsatz in Somalia haben Sie nicht zugestimmt. Lassen Sie sich nicht wieder zu einer falschen Entscheidung drängen. Geben Sie ihr Gewissen und ihren Verstand nicht an der Bundestagsgarderobe ab!

Zum Krieg als Mittel der Politik gibt es nur eine Alternative: Gewaltverzicht, Abrüstung und konsequente Achtung des internationalen und Völkerrechts. An diesen Prinzipien müssen sich Politiker und Parteien messen lassen, wenn sie beanspruchen wollen, dass ihre Politik dem Frieden dient. Mit ihrer Zustimmung zum Kriegseinsatz der Bundeswehr haben sich die Abgeordneten wahrscheinlich für lange Zeit gegen diese Prinzipien entschieden.

Denn:

           Wer Krieg führt, kann nicht glaubwürdig für zivile Konfliktbearbeitung und Ächtung von Gewalt eintreten.

           Wer Kriege gewinnen will, muss seine Soldatinnen und Soldaten entsprechend ausbilden und bewaffnen. Das bedeutet Aufrüstung und höhere Rüstungsausgaben.

           Wer Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung und Verstöße gegen das Völkerrecht zumindest in Kauf nimmt, trägt dazu bei, dass sich das Recht des Stärkeren immer weiter durchsetzt.

           Wer sein Gewissen als Abgeordneter auf dem Altar der Parteiräson dem Machterhalt opfert, zerstört die Glaubwürdigkeit der Politik und fördert Fatalismus und Politikverdrossenheit.

Liebe Freundinnen und Freunde,

es reicht nicht, wenn wir immer erst reagieren, wenn Kriege geführt werden. Wenn wir den Namen „Friedensbewegung“ wirklich verdienen wollen, müssen wir anfangen, Krieg zu verhindern indem wir seine Vorbereitung unterbinden. Dafür brauchen wir ein abrüstungspolitisches Programm und eine außerparlamentarische Bewegung, die von unten richtig Druck macht. Dazu will ich euch und auch die Mitglieder von SPD und Grünen, von Gewerkschaften und Kirchen aufrufen. Fragt nicht nur nach dem Krieg in Afghanistan, sondern auch nach den kommenden Kriegen und was getan wird um sie zu verhindern:

          Werden Rüstungsausgaben verringert und Rüstungsexporte gestoppt?

          Wird die Bundeswehr verkleinert statt zur Interventionsarmee ausgebaut?

          Wird die Wehrpflicht abgeschafft und Deserteuren Asyl gewährt?

          Werden Friedensforschung und zivile Konfliktbearbeitung stärker gefördert?

          Werden die ABC-Waffen endlich verschrottet und Europa atomwaffenfrei?

Es reicht aber auch nicht aus, dass wir als Friedensbewegung auf diese und andere Fragen die richtigen Antworten haben – wir müssen sie auch durchsetzen! Dazu brauchen wir eine starke außerparlamentarische Opposition, eine soziale Bewegung, die die Kraft hat, die ganz große Koalition im Bundestag zu durchbrechen.

Ich bin überzeugt, dass es notwendig und möglich ist, eine zivile Koalition für Frieden und Leben zu schaffen. Aktionen wie die heutige Demonstration sind wichtige Schritte auf dem Weg, für den wir einen langen Atem brauchen werden. Je mehr Menschen wir aber mitnehmen, um so kürzer wird er.  Also starren wir nicht nach Berlin. Konzentrieren wir uns auf die eigene Kraft! Seien wir entschieden in der Sache, aber offen für alle, die ihr Gewissen und ihren Verstand auf dem richtigen Fleck haben!


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Letzte Änderung: 17.03.04